Das Abkommen zwischen den Mercosur-Staaten Südamerikas und der Europäischen Union ist nach Angaben von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf der Zielgeraden. Welche Vorteile hätte das Abkommen für die EU und für Deutschland, speziell für die Autoindustrie?
Rolf Langhammer: Ein solches Abkommen beruht auf Gegenseitigkeit. Wir sollten also nicht glauben, dass die hohen Zölle für Industriegüter wie Autos in den Mercosur-Ländern teilweise gesenkt werden, ohne dass wir unseren Markt öffnen. Das Abkommen ist für die Mercosur-Gruppe wichtiger als für die EU. Rein zahlenmäßig, weil die EU als Handelspartner für die Mercosur-Gruppe wichtiger ist als umgekehrt. Die Kommission betont, dass die europäischen Exporte profitieren werden, speziell die Autoindustrie. Aber es geht runter bis zur Chemieindustrie und bis hin auch in den Agrarsektor. Die europäischen Weinproduzenten sind glücklich darüber, dass die hohen Eintrittsbarrieren in den Mercosur-Markt gesenkt werden. Umgekehrt wäre es für die Mercosur-Gruppe wichtig, den Zugang zum Agrarmarkt der EU zu gewinnen.
Frankreich und Polen lehnten das Abkommen ab, mit der Begründung, es gebe Nachteile für ihre Bauern. Die Landwirte demonstrierten immer wieder. Sind die Befürchtungen berechtigt?
Die Sorgen der Bauern sind durchaus berechtigt. Zum einen geht der Fleischkonsum in der EU insgesamt zurück. Die Verbraucher sind umweltbewusster. Sie erkennen, dass es eine Alternative zu Fleisch gibt, und dass es ein teures und energieintensives Produkt ist. Also geht die Nachfrage langsam zurück. Zum anderen kommt dann ein erhöhtes Angebot an Fleischprodukten aus den Mercosur-Ländern auf die Bauern zu. Die Bauern haben ein weiteres Argument: Sie beklagen sich, dass sie mit härteren Auflagen bezüglich der Tiergesundheit, des Tierwohls et cetera belastet werden als die Bauern in der Mercosur-Gruppe. Das muss man hinnehmen, so wie die Tatsache, dass auch die Lohnkosten in der Mercosur-Gruppe deutlich niedriger sind als in der EU.
Welche Bedenken gibt es noch?
Eine Frage muss noch beantwortet werden: Von vielen Nichtregierungsorganisationen wird behauptet, dass Pestizide aus der EU in die Mercosur-Gruppe exportiert werden, obwohl diese in der EU schon verboten sind. Dass diese Pestizide in Südamerika in der Agrarproduktion verarbeitet werden - und dann wieder als Endprodukte in die Europäische Union kommen. Die Chemieindustrie bestreitet das. Wenn es so wäre, würde das sogenannte Vorsichtsprinzip der EU greifen, das sogenannte precautionary principle. Das bedeutet: Wenn Gefahr für die Gesundheit der Konsumenten besteht, muss die EU sofort die Reißleine ziehen. Aber das muss nachgewiesen werden. Wenn nicht nachgewiesen wird, dass Konsumenten einen Schaden erleiden, kann das Produkt gehandelt werden.