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Ineos Britannia setzt sich gegen Luna Rossa durch – jetzt bietet sich den Engländern im Final um den America’s Cup eine historische Chance

Der Skipper Ben Ainslie fährt gegen Luna Rossa den siebten Sieg heraus. Nun duelliert sich Ineos Britannia mit dem Titelverteidiger Neuseeland um den 37. America’s Cup.

September 07, 2024. Louis Vuitton Cup, Race Day 7. INEOS BRITANNIA, LUNA ROSSA PRADA PIRELLI TEAM
September 07, 2024. Louis Vuitton Cup, Race Day 7. INEOS BRITANNIA, LUNA ROSSA PRADA PIRELLI TEAM
©Bild: Ian Roman / America's Cup

Nach dem entscheidenden Sieg fand die Feier von Ineos Britannia noch auf dem Wasser statt: Jedes Crew-Mitglied stemmte den Pokal in die Höhe, auch der Eigner Jim Ratcliffe stieg an Bord der «Britannia» und gesellte sich zum Skipper Ben Ainslie, um beim historischen Triumph dabei zu sein. Erstmals in der Geschichte der Challenger-Serie, die 1970 ihren Anfang nahm, hat ein britisches Team den Final der Herausforderer gewonnen. In einer Woche wird erstmals seit sechzig Jahren England um den America’s Cup segeln.

Nach den beiden Siegen gegen das italienische Boot von Luna Rossa am Mittwoch benötigten die Briten am Freitag nur noch einen Sieg. «Wir liegen 6:4 zurück, aber wir sind noch nicht tot», hatte der Luna-Rossa-Teamboss Max Sirena seiner Belegschaft Mut gemacht. Auf dem Wasser aber gewann Ainslie einmal mehr den Vorstart. Nur knapp zwar. Aber den Vorsprung verteidigte Britannia bis ins Ziel, obwohl Luna Rossa grossen Druck machte.

Die eindrückliche Lernkurve von Ineos Britannia

Während auf der Ineos Britannia der Champagner floss, war die Enttäuschung bei den Verlierern greifbar, etwa beim Steuermann Jimmy Spithill. «Das ist Sport», meinte er etwa. Und verkündete wenig später den Rücktritt als Steuermann im America’s Cup. «Das war mein letztes Rennen», sagte er. Ähnliche Absichten hatte zuvor schon Francesco Bruni, der andere Steuermann, angedeutet.

Der Sieg der Engländer ist, über die gesamte Qualifikationsserie gesehen, verdient. Nach einem miserablen Start in der Vorregatta verbesserten sie sich stets. Sie gewannen die Preliminary Regatta in einem Stichentscheid gegen Luna Rossa. Alinghi besiegten sie im Halbfinal deutlich mit 5:2. Und das Challenger-Final überstanden sie ohne technische Probleme, im Gegensatz zu den Italienern, die aus diesem Grund zwei Rennen verloren. Insgesamt 14-mal sind die beiden Teams in diesem Cup gegeneinander gesegelt, 9:5 lautet die Bilanz für Britannia.

Der Schlüssel zum britischen Erfolg war möglicherweise ein Personalentscheid; der Skipper Ainslie ersetzte vor ein paar Wochen seinen Co-Steuermann Giles Scott, immerhin Doppelolympiasegler, durch Dylan Fletcher, auch er Olympiasieger. Das Duo Ainslie/Fletcher war zuvor zwar kaum matcherprobt, bot am Steuer aber eine überraschend gute Leistung und schien von Anfang an gut zu harmonieren.

Eindrücklich ist auch die Lernkurve, die Ineos Britannia gezeigt hat. Dafür hat Grant Dalton, der CEO des Titelverteidigers Neuseeland, eine Erklärung. In einem Interview lobte er die Zusammenarbeit von Ineos Britannia mit dem Mercedes-Formel-1-Team. Die Engländer stellen für ihn heute eine grössere Bedrohung dar als früher, weil das gute Analysewerkzeug des Autorennstalles es ermöglicht hat, das Boot bei Bedarf zu ändern und schneller zu machen.

Viele Segelfans auf der Welt dürfte die Niederlage von Luna Rossa geschmerzt haben. Das silberne Boot der Italiener, von der Presse «Silver Bullet» genannt, wusste durch seine Eleganz und Geschmeidigkeit zu gefallen. In Sachen Geschwindigkeit konnte Luna Rossa mit der «Rita», der englischen AC75, mithalten. Doch den beiden Steuerleuten Spithill und Bruni unterliefen hie und dort kleine Manöverfehler. Zwei technische Ausfälle machten die Sache auch nicht besser.

Trotzdem war es ein guter Auftritt der Italiener. Die grosse Frage ist nun, ob der Teambesitzer Patrizio Bertelli noch einmal antreten wird. Falls er diese Absicht hat, wird er nach dem Rücktritt von Spithill und wahrscheinlich auch Bruni das Steuer jüngeren Seglern überlassen müssen. Die sind in Italien reichlich vorhanden: Luna Rossa hat den Youth America’s Cup überlegen gewonnen.

Neuseeland geht als Favorit ins Rennen

Mit ihm zusammen haben sie das Cup-Protokoll ausgearbeitet und konnten damit ihre Vorstellungen einbringen und Einfluss nehmen. Zwei Mal also hat der COR in der Ära der Klasse AC75 den Cup-Final erreicht. Das ist ein Zeichen, dass diese Position einen Vorteil gegenüber den anderen Challengern mit sich bringt. Dem Vernehmen nach sollen Neuseeland und England übereingekommen sein, dass der Sieger den Unterlegenen als COR für den 38. America’s Cup wählen soll.

Defender Neuseeland gegen den Challenger England – so lautet also die Paarung des 37. America’s Cup. Nach der Teilnahme an der Vorregatta und der Qualifikationsphase sind die Neuseeländer aus den Schlagzeilen geraten. Sie haben, kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, Trainingsfahrten mit ihrem Cup-Boot absolviert.

Heute in einer Woche finden die beiden ersten Rennen statt. Gewonnen hat, wer zuerst sieben Siege schafft. Das Team New Zealand strebt den Hattrick an und geht als Favorit in die Rennserie. Es hat die beiden Vorregatten und die Qualifikationsserie gewonnen, obschon es ausser Konkurrenz angetreten war.

Das Problem der Neuseeländer wird die mangelnde Wettkampfpraxis sein. Sie treffen auf einen Gegner, der gestärkt aus einer hochstehenden und ausgeglichenen Rennserie kommt und mit grossem Selbstvertrauen antreten kann. Und dessen siegeshungriger Skipper Ben Ainslie die historische Gelegenheit beim Schopf packen will, um mit dem ersten britischen Cup-Sieg Geschichte zu schreiben.